Durften Frauen 1888 in Deutschland noch nicht Medizin studieren?
Alicia von Rittberg als junge Ida ist die fiktive Hauptfigur von "Charité". In der ARD-Serie wird die mittellose junge Frau am Berliner Krankenhaus notoperiert. Anschließend muss sie als Hilfsschwester ihre Behandlungskosten abarbeiten. So entdeckt sie ihre Leidenschaft für die Medizin. Wahr ist, dass es Frauen 1888 in Deutschland noch verboten war, Medizin zu studieren. In vielen Nachbarländern, zum Beispiel der Schweiz, war es jedoch erlaubt. 1901 legte die erste Frau in Deutschland ihr medizinisches Examen ab. Erst ab 1908 war das Frauenstudium in Preußen offiziell erlaubt.

ARD / Nik Konietzny

Der große "Charité"-Faktencheck
Großer Bahnhof für eine große deutsche Serienproduktion: Mit Sönke Wortmanns "Charité" startete im Ersten ein aufwendig gestaltetes TV-Event der Extraklasse. Aber wie realistisch ist die medizinhistorische Rahmenhandlung? War Emil von Behring wirklich drogensüchtig? Und führte Robert Koch tatsächlich Selbstversuche durch? Alle wichtigen Fragen zum "Charité"-Start gibt's hier im Faktencheck ...

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Robert Koch, der Tuberkulose-Star
Robert Koch (1843-1910), hier dargestellt von Justus von Dohnanyi, entdeckte 1882 den Erreger der Tuberkulose. Er wurde zum Begründer der modernen Bakteriologie und Mikrobiologie. Dafür gab es 1905 den Nobelpreis für "Physiologie oder Medizin". Kochs anfangs euphorisch aufgenommenes Heilmittel Tuberkulin erwies sich jedoch langfristig als Flop. Damals starb etwa jeder siebte Deutsche an Tuberkulose.

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Robert Koch, der Umstrittene
Robert Koch lebte in bitterer Feindschaft mit Charité-Guru Rudolf Virchow. Virchow lehnte Kochs Theorie, dass Bakterien die Ursache vieler Krankheiten seien, ab. Erst als Virchow 1902 starb, konnte Koch in die "Preußische Akademie der Wissenschaften" aufgenommen werden. Dabei war Koch damals längst nach dem Kaiser die bekannteste Person im Reich. Es gab Teller oder Fächer mit seinem Bild darauf. Und doch war er ein umstrittener Superstar. So warf man ihm vor, übermäßig an der Vermarktung seines vermeintlichen Tuberkulose-Heilmittels zu profitieren - obwohl zur Finanzierung von Kochs Forschungen vor allem öffentliche Gelder Verwendung fanden.

Wilhelm Fechner [Public domain], via Wikimedia Commons

Emil von Behring, der Getriebene
Ein Preuße mit dunklen Momenten: Emil von Behring, gespielt von Matthias Koeberlin (42), ist nicht unbedingt ein Sympathieträger. Doch der ehrgeizig-getriebene Mann hat auch seine sensiblen Momente. In jedem Fall ist Matthias Koeberlin als Emil von Behring eine der spannendsten Figuren in "Charité".

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War Behring tatsächlich drogensüchtig?
Der aufgrund seiner Verdienste 1901 geadelte Emil von Behring (1854 - 1917) litt tatsächlich unter Schlafstörungen und Depressionen, die ihn ab 1907 zu einem zweieinhalbjährigen Aufenthalt in einem Sanatorium in München zwangen. Doch nur für seine letzten zehn Jahre ist belegt, dass er morphiumabhängig war.

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Paul Ehrlich, der Sensible
Der leise, aber äußerst präzise Schauspieler Christoph Bach (Jahrgang 1975, "Dutschke") spielt den sensiblen jüdischen Forscher Paul Ehrlich. Der muss sich auch mit dem wachsenden Antisemitismus seiner Zeit herumschlagen.

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Zwei Nobelpreisträger
Emil von Behring (1854 - 1917, rechts) entwickelte aus Blutserum ein zuverlässiges Heilmittel gegen Diphtherie und Wundstarrkrampf (Tetanus). Dafür gab es 1901 den ersten "Nobelpreises für Physiologie oder Medizin". Sein Kollege Paul Ehrlich (1854-1915, links) entwickelte als Erster eine medikamentöse Behandlung der Syphilis und begründete damit die Chemotherapie. Der Nobelpreis folgte 1908. Das Foto entstand um 1910 herum.

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Warum wurden tote Körper dringend gesucht?
Anschauungsunterricht bei Rudolf Virchow (Ernst Stötzner), einem der berühmtesten Mediziner seiner Zeit. Die wissbegierige Ida (Alicia von Rittberg) will in der Serie "Charité" von dem Pathologen lernen. Tatsächlich waren tote Körper zum Forschen in jener Zeit Mangelware - auch aus religiösen Gründen. Doch um den Wissensdurst der Medizin-Pioniere zu stillen, benötigten diese eine Menge "Lernmaterial". Heute gibt es hingegen ein Überangebot an Leichen. Viele spenden zu Lebzeiten ihren Körper der Wissenschaft. Die meisten Unis verfügen heute ein Überangebot an Körpern.

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Führten Krankenschwestern 1888 wirklich ein fast klösterliches Leben?
Schwestern und Wärterinnen in der Charité: Unter dem frömmelnden Regime der Diakonissen-Oberin Martha (Ramona Kunze-Libnow, Mitte) müssen Schwestern und Wärterinnen zum morgendlichen Appell antreten. Ihre Arbeitszeiten: von 4.30 Uhr bis 22 Uhr. Tatsächlich wohnten diese Engel der Kranken damals in der Klinik, sie waren unverheiratet und widmeten ihr Leben dem Patienten.

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Führte Robert Koch Medikamentenversuche an sich selbst durch?
Gefährliche Medizin: Robert Koch (Justus von Dohnányi, links) lässt sich als Selbstversuch Tuberkulin von Paul Ehrlich (Christoph Bach) spritzen. Diese Szene aus "Charité" entspricht der Wahrheit. Auch an seiner jungen zweiten Frau Hedwig testete er das Mittel. Sein etwas vorschnell als Heilmittel der Menschheits-Seuche Tuberkulose verkündetes Tuberkulin erwies sich allerdings als wirkungslos. Als dies offenbar wurde, floh Koch auf eine Forschungsreise nach Ägypten.

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War Rudolf Virchow ein gesellschaftlicher Visionär?
Rudolf Virchow (1821-1902) träumte von Deutschlands Aufbruch in die Demokratie und war sogar aktives Mitglied der Märzrevolution von 1848. Er verlor seinen Lehrstuhl in Berlin und zog sich für einige Jahre nach Würzburg zurück. 1856 folgte die Rückkehr an die Charité, wo der berühmte Pathologe, dargestellt von Ernst Stötzner, als hochpolitischer und sozial engagierter Mediziner bis zu seinem Tode wirkte. Unter anderem setzte er sich für die Hygiene in den Armenvierteln sowie eine Schulbildung der dortigen Bevölkerung ein.

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"Jeden Tag ein Präparat"
... so lautete das Motto des Forschers Rudolf Virchow. Bis 1902 sammelte der Forscher 23.066 Präparate. Einige seiner Ausstellungsstücke des menschlichen Körpers sind bis heute erhalten geblieben. Auch der Hörsaal, in dem sich Virchow im Alter von 80 Jahren von seiner Lehr- und Forschungstätigkeit verabschiedete, steht noch. Elf Monate nach dieser Feier starb Virchow in Berlin.

rbb / Inst. f. Geschichte der Medizin - Charité

Ein Schüler bekam seinen Nobelpreis vor dem Chef
Drei spätere Nobelpreisträger, die 1888 an der Berliner Charité arbeiteten (von links): Emil Behring (Matthias Koeberlin, links) arbeitete ebenso für Robert Koch (Justus von Dohnanyi, Mitte) wie Paul Ehrlich (Christoph Bach). Pikanterweise erhielt Behring seinen Nobelpreis zuerst (1901). Koch (1905) und Ehrlich (1908) waren später dran.

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Ist die Serie "Charité" in Berlin entstanden?
Von der alten "Charité", wie sie 1888 aussah, steht heute fast nichts mehr. Das Klinikum wurde mehrfach in seiner Geschichte umgebaut. Mehrfach zogen Institute in andere, über die Stadt verteilte Gebäude um. Sönke Wortmann (zweiter von rechts) drehte seine Serie in Prag, wo viele Straßenzüge die Patina der alten Zeit tragen. Hier ein Foto von den Dreharbeiten mit den Schauspielern Matthias Koeberlin (rechts), Alicia von Rittberg und Maximilian Meyer-Bretschneider, der einen jungen Medizinstudenten verkörpert.

ARD / Nik Konietzy

Gab es Kochs Geliebte wirklich?
Robert Kochs Liebe zur 30 Jahre jüngeren Boulevard-Schauspielerin und Sängerin Hedwig Freiberg (Emilia Schüle) ist verbürgt. Eventuell  traf Koch jedoch erst 1890, dem Jahr seiner Scheidung, auf die damals Siebzehnjährige. Drei Jahre später folgte die Hochzeit mit ihr.

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Gab es damals schon eine Krankenversicherung?
Die Krankenaufnahme der Charité um 1910: Hier wurden Kassenmitglieder und Selbstzahler getrennt. Am 31. März 1883 verabschiedete Reichskanzler Otto von Bismarck das "Gesetz betreffend die Krankenversicherung für Arbeiter". Die Mitgliedschaft in einer der staatlichen Aufsicht unterstellten Krankenkasse war für Arbeiter verpflichtend. Die Versicherten erhielten dafür einen Rechtsanspruch auf freie und medikamentöse ärztliche Behandlung für maximal 13 Wochen. Das ausgezahlte Krankengeld betrug 50 Prozent des Arbeitslohnes.

rbb / Inst. f. Geschichte der Medizin - Charité

Wie blutig ist "Charité"?
Es geht. Wer die US-Serie "The Knick" kennt, in der viel ausführlicher und detailreicher das antike Herumschnipseln am menschlichen Körper gezeigt wird, dürfte über derlei Szenen aus "Charité" müde lächeln. Hier sieht man Regisseur Sönke Wortmann und Kameramann Holly Fink beim Besprechen einer Szene mit Ernst Stötzner als Star-Pathologe Rudolf Virchow.

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Was macht das Dreikaiserjahr 1888 besonders?
Der erzählerische Einstieg von "Charité" im Jahr 1888 macht Sinn, denn es war eine der politisch turbulentesten Perioden deutscher Geschichte. Als der "greise Kaiser" Wilhelm I. am 9. März in Berlin starb, folgte ihm sein an Kehlkopfkrebs erkrankter Sohn Friedrich III. Der "weise Kaiser", auf den Rudolf Virchow große politische Hoffnungen setzte, konnte während seiner Zeit auf dem Thron jedoch nicht mehr sprechen. Er erlebte nur 99 Tage Regentschaft. Nach seinem Tod am 15. Juni folgte ihm sein ältester Sohn Wilhelm II. als Deutscher Kaiser und König von Preußen nach. Den kriegerisch-selbstherrlichen Monarchen nannte man aufgrund seines dauernden Unterwegsseins auch den "Reisekaiser".

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Welche Serie ist besser: "The Knick" oder "Charité"?
Keine Frage, "The Knick" bietet mehr (blutige) Details und zudem abgründigeres Personal. Den brillant-arroganten Chefchirurgen Dr. John Thackery spielt Clive Owen zwischen Frust und Besessenheit mit absolut preiswürdiger Hingabe. Dennoch ist das im Sinne der deutschen TV-Primetime deutlich aufgeräumtere "Charité" sehenswert. Medizinhistorie und deutsche Geschichte werden sehr solide und erzählerisch stark aufgearbeitet. In Sachen Ausstattung und Szenenbild sieht das Berlin des Jahres 1888 gut aus - wenn auch nicht ganz so opulent wie das New York von 1900 in "The Knick".

Warner

Wie realistisch sind die Operationen bei "The Knick"?
Die Operationen in "The Knick" basieren auf tatsächlichen Eingriffen. 1900 machte die Chirurgie zwar rasante Fortschritte, fußte jedoch noch kaum auf gesicherten medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Drehbuchautoren Jack Amiel und Michael Begler sowie Regisseur Steven Soderbergh berufen sich auf Erkenntnisse des New Yorker Burns Archive, das die weltweit größte Sammlung medizinischer und anatomischer Fotos besitzt.

Warner

Geht "The Knick" weiter?
"The Knick" spielt am New Yorker Knickerbocker-Krankenhaus im Jahr 1900. Im Mittelpunkt: der brillante, drogensüchtige Artz Dr. Thackery (Clive Owen, Mitte). 20 Episoden in zwei Staffeln wurden zwischen Mitte 2014 und Ende 2015 vom US-Bezahlsender Cinemax ausgestrahlt. In Deutschland lief das von Kritikern hochgelobte Serienprodukt bis Februar 2016 bei ZDFneo. Über eine dritte Staffel wird seitdem spekuliert. Alle Beteiligten haben den Wunsch geäußert, dass es dazu kommt. Dennoch hat man schon verdächtig lange nichts mehr über "The Knick Season 3" gehört.

ZDF / Mary Cybulski

Welche Rockstar-Tochter ist das?
Als junge Krankenschwester Lucy Elkins sieht man in "The Knick" Eve Hewson, Tochter von U2-Frontmann Bono. Die mittlerweile 26 Jahre alte Irin lebt in New York, wo sie auch einen Uni-Abschluss zimmerte. Zuletzt stand sie in einer Neuverfilmung von "Robin Hood" als Lady Marian vor der Kamera. 2018 soll der Streifen in die Kinos kommen.

ZDF / Mary Cybulski

Kaiser und Kadaver: Wie realistisch ist die historische Medizinserie „Charité“?

von teleschau - der mediendienst in Galerien

Sönke Wortmanns TV-Serie "Charité" erzählt in sechs Teilen von der Geburtstunde der modernen Medizin. Der ARD-Sechsteiler rollt seinen Erzählfaden im Jahr 1888 aus, als drei spätere Nobelpreisträger im Umfeld des deutschen Vorzeige-Hospitals arbeiteten. Eine Fortsetzung der Serie ist geplant. Nach Austrahlung der ersten beiden Folgen am Dienstagabend stellt sich die Frage: Ist es wirklich so gewesen? Und wie schneidet "Charité" im Vergleich zum hochgelobten US-Produkt "The Knick" ab, in dem Clive Owen einen Medizin-Pionier im New York des Jahres 1900 gab?