Verrücktes Experiment oder ein neuer TV-Trend: Am Pfingstmontag schaut das NDR-Fernsehen fünf Stunden lang einer Bootsfahrt. "Die Elbe. Ganz in Ruhe." läuft am Montag 5. Juni, von 12 bis 17 Uhr.

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NDR-Redakteur Tom Fischer auf "seinem" Raddampfer. Der 35-Jährige hat sich das Format "Die Elbe. Ganz in Ruhe." ausgedacht. Inspirieren ließ er sich vom Phänomen Slow-TV, das in Norwegen ein Publikumsrenner ist.

NDR / Michael Uphoff


Von Bleckede bei Lüneburg bis in den Hamburger Hafen fährt der Schaufelraddampfer binnen fünf Stunden - gaaaanz entspannt!

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Ein Moderator, der heute nicht viel sagen soll: Arne-Torben Voigts stammt aus der unmittelbaren Nachbarschaft der Reiseroute, Winsen an der Luhe.

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Wenn es gut läuft, sieht man einen Seeadler. Ganz sicher: andere Boote. Trotzdem ist "Die Elbe. Ganz in Ruhe." durchaus ein TV-Experiment, das auch ganz schön langweilig werden könnte.

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Im Jahr 1900 lief die "Kaiser Wilhelm" bei der Dresdner Maschinenfabrik und Schiffswerft AG vom Stapel. Es war die Zeit, als man noch langsam reiste. Heute gilt jene Langsamkeit wieder als erstrebenswert - zur Erholung.

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Auch in den Bauch des Schiffes darf man hineinschauen.

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Achtsamkeitsfernsehen – ein neuer Trend?

von Eric Leimann in TV

Natürlich waren die Skandinavier mal wieder die Ersten. Jene Nordländer, von denen viele Deutsche behaupten, sie würden ihre Zeit auf Erden in größerer Weisheit nutzen. In Schweden, Norwegen und Dänemark, so das Klischee, erfreut man sich gerechter, familienfreundlicher Sozialsysteme und schaut auf toll designten Möbeln noch tollere, selbstgemachte Fernsehserien. Der neuste Trend aus dem Norden ist allerdings nonfiktional. Er hört auf den Namen Slow-TV. Das norwegische Staatsfernsehen NRK filmte über Stunden Schiffsaussichten von der berühmten "Hurtigruten", es sah Landsleuten beim Stricken oder Lachsfischen zu oder begleitete zuletzt die Wanderung einer Rentierherde vom Hochland an die Küste. Alles in Echtzeit und ohne störenden Kommentar. Nun ist dieses Entschleunigungs-TV auch in Deutschland angekommen. Am Pfingstmontag (5. Juni, 12 Uhr, NDR) kann man bei "Die Elbe. Ganz in Ruhe." fünf Stunden einem Schaufelraddampfer auf der Fahrt von Bleckede bei Lüneburg nach Hamburg zusehen.

Tom Fischer ist ein bisschen stolz. Immerhin gelang es dem 35-jährigen NDR-Redakteur aus Hannover, normalerweise für die 18.15 Uhr-Schiene seines niedersächsischen Regionalfensters zuständig, am Pfingstmontag eine besondere Sendung ins Programm zu hieven. Wen "Die Elbe. Ganz in Ruhe." an Urformate des deutschen Slow-TV erinnert, vor allem an das zwischen 1995 und 2013 ausgestrahlte ARD-Nachtprogramm "Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands", sieht sich allerdings getäuscht. Ganz so langsam wird es nämlich nicht.

Wo damals in Echtzeit lediglich eine Einstellung den Zugführerblick auf die Strecke einfing, nur bei längeren Tunneldurchfahrten wurde gekürzt, bringt Fischer auf seiner Feiertagsflussfahrt fast ein Dutzend Kameras an den Start. "Ein Shot nach vorne raus zeigt die Fahrt als solche. Dann gibt es Kameras im Maschinen- und Heizraum, eine weitere zeigt die Interaktion des Kapitäns", erzählt NDR-Mann Fischer. "Dazu kommt eine Kamera auf Deck, die Motive am Ufer sehr nah ranholen kann. Es gibt auch eine Drohne für Luftaufnahmen und noch zwei Kamerateams auf Deck."

Dazu gesellt sich ein weiteres Bild, das von einem Begleitboot aus auf das Geschehen an Bord blickt. Hektische Schnitte will sich der NDR beim Beobachten von Bugwellen, Seeadlern oder Radfahrern am Ufer - hier gilt es, die Persönlichkeitsrechte zu beachten - allerdings verbieten. "Wir wollen der Langsamkeit Raum geben, das Bild auserzählen", sagt Fischer. Er berichtet, dass er und seine Kollegen den Witz machen, dass sie sich während des Fünfstunden-Formats immer dann auf die Finger hauen, wenn einer einen Schnitt ansetzen will. "Wir wollen es schon anders machen und ausprobieren, wie es ist, dem einzelnen Bild wieder mehr Macht zu geben."

Dennoch ist "Die Elbe. Ganz in Ruhe" noch ein Zwitterwesen zwischen klassischem Slow-TV und jenen Formaten, die in den dritten Programmen das Tages- und Vorabendprogramm beherrschen, Reportagen über Land und Leute. So wird der Moderator Arne-Torben Voigts ab und zu etwas sagen ("nicht zu oft!"), und sogar Talkgäste sind geladen. Jene, beeilt sich Tom Fischer zu sagen, werden jedoch nur etwa fünf Minuten pro Stunde zu Wort kommen, der Rest sei unkommentierte Entschleunigung: sanfte Hügellandschaften bei Lauenburg, die Schleuse von Geesthacht, das malerische Hoopte und am Ende die Hamburger Elbphilharmonie.

Als Talkgäste stehen bereit: Slowfood-Expertin Sarah Wiener, Zeitmanager und Autor Lothar Seiwert sowie Sängerin Pe Werner. Dazu wird ab und zu ein Song gespielt, von der ersten bis zur letzten Note. "Vier Stunden vor Elbe 1" von Element of Crime oder Lindenbergs "Goodbye Sailor" stehen unter anderem auf dem maritimen Song-Programm.

Tom Fischer hat sich für sein Format tatsächlich von den Norwegern inspirieren lassen, wie er zugibt. Auch wenn sie das Slow-TV nicht erfunden haben, waren die Sendungsmacher von NRK die Ersten, die mit so etwas zu guten Sendezeiten im Tagesprogramm reüssierten. Aber ist das langsame Fernsehen tatsächlich ein Trend? Wahrscheinlich ist es eher so, dass eine gesellschaftliche Sehnsucht nach Ruhe und Achtsamkeit abgebildet wird. Slow-TV als Gegenreaktion auf den immer schneller und hektischer werdenden Alltag vieler Zuschauer.

Trotzdem lassen sich international viele kleine Erfolgsstorys des meditativen Fernsehens beobachten. Wie zum Beispiel ein englisches Format, dass die britische Insel auf Kanalrouten durchfährt. Legendär sind die Proteste vieler New Yorker, als vor Jahren das traditionelle Silvesterprogramm eines beliebten TV-Senders eingestellt werden sollte. Dieser zeigte zum Jahreswechsel einfach nur ein loderndes Kaminfeuer. Der Gegenwind für jene, die jene Flammen auspusten wollten, war so heftig, dass man die Entscheidung revidierte.

Man muss jedoch nicht nach Übersee reisen, um Slow-TV zu beobachten. Das Regionalfernsehen des NDR Mecklenburg-Vorpommern lancierte das Experiment "Schweigendes Erleben". Dabei wurden Ereignisse wie eine Meditation, das Orientieren eines Blinden oder Werkeln eines Sternekochs ohne Kommentar auf den Bildschirm gebracht. Es ist nicht anzunehmen, dass Formate wie "Die Elbe. Ganz in Ruhe" die Hektik unserer Zeit mit mobiler Dauer-Kommunikation und Menschen im Multitasking-Modus grundsätzlich verändern. Auf der Suche nach mentalen Ruhe-Inseln könnten Flussfahrten und ähnliches jedoch bald häufiger als Anker dienen.