"Ein Tor ist wie ein kollektiver Orgasmus", sagt Wigald Boning.

Jörg Koch / 2018 Getty Images


In der Fußball-Doku trifft Wigald Boning (links) Stars wie Eike Immel: Der ehemalige Nationaltorhüter musste viele Lebenskrisen verkraften.

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"Die gesellschaftliche Wirkung, die Fußball entfalten kann, ist enorm", weiß Wigald Boning

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"Ich komme aus Oldenburg. Das ist eine Fifty-Fifty-Stadt: Die eine Hälfte sind HSV-, die andere Werder-Bremen-Fans", sagt Wigald Boning. In Fußballkneipen fühlt er sich wohl.

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Der mittlerweile 92-jährige Rudolf "Rudi" Gutendorf (rechts, mit Wigald Boning) hat sein gesamtes Leben dem Fußball verschrieben.

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"Vielen Menschen, die mit einer Mannschaft richtig mitfiebern, ist es zweitrangig", so Wigald Boning, "ob sie das im Stadion hautnah miterleben oder ob sie das Spiel zu Hause oder in einer Kneipe gucken."

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"Fußball ist ja eine recht bildschirmkompatible Sportart", sagt Wigald Boning, der kleine Mann auf dem Rasen.

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"Eishockey ist für meine Sehkraft komplett ungeeignet", so Wigald Boning. "Damit ich etwas davon hätte, müsste man den Puck tellergroß und bunt machen."

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Wigald Boning tun junge Fußball-Stars leid, die ständig unter Massen-Beobachtung stehen. "Man erwartet extrem viel von diesen armen 20-Jährigen."

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Ein Stadion-Besuch ist aktives Miteinander: "Über Fußball kann man sich eben gut unterhalten", sagt Wigald Boning. Selbst wenn man Wind und Wetter trotzen muss.

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Wigald Boning – „Kollektiver Orgasmus im Fußball-Stadion“

von Rupert Sommer in Stars

Das Trikot steht dem kleinen Mann gut. Auf dem Rasen kann man sich TV-Komiker und Ausdauersportler Wigald Boning, erfolgreicher Absolvent mehrerer Ultra-Marathons und eiserner Wind- und Wetter-Rennradfahrer, nicht ganz so gut vorstellen. Trotzdem ist der seit seiner Jugend glühende Werder-Bremen-Fan genau der richtige Mann für die neue eigenproduzierte Dokumentation "Deutschland - Deine Fußballseele", mit der der Münchner Pay-TV-Sender History seine geballte Event-Programmierung "History of Football" zur Weltmeisterschaft in Russland krönt. "Fußball ist Teil der Pop-Kultur geworden. Das kann ich in Teilen nachvollziehen. Fernseh-Comedy wurde auch erst mit 'RTL Samstag Nacht' Teil der Pop-Kultur. Wir haben erlebt, wie plötzlich die Fans völlig aus dem Häuschen gerieten", sagt Wigald Boning. Und von der oft auch mal sehr sinnlichen Stadion-Atmosphäre war er schon immer begeistert: "Ich habe mal gelesen: Ein Tor beim Fußball ist wie ein kollektiver Orgasmus", sagt er und grinst frech. "Der Vergleich erscheint mir sehr sinnig."

In der vom deutschen History-Produktionschef Emanuel Rotstein konzipierten und gedrehten Seelenerkundung, die erstmals am Montag, 28. Mai, um 20.15 Uhr, über die Sky-Plattform ausgestrahlt wird, lässt er Wigald Boning als "kleinen Mann" ein einfühlsames Psychogramm der deutschen Fußball-Begeisterung präsentieren. Dafür trifft der "Genial daneben"- und "Nicht nachmachen!"-Komiker im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland auf Persönlichkeiten, die ihr Leben ganz dem Fußball verschrieben haben. So besucht Boning etwa Eike Immel. Der ehemalige Nationaltorwart erlebte im Laufe seiner Karriere zahlreiche Triumphe, aber auch viele Lebenskrisen. Außerdem tauscht sich der "Deutschland - Deine Fußballseele"-Psychotherapeut auch mit Rudolf "Rudi" Gutendorf aus. Der 91-jährige Fußballlehrer blickt auf 55 Trainer-Stationen in 30 Ländern zurück. Auch im hohen Alter ist Gutendorf noch aktiv. Aktuell ist er Pate und Ehrentrainer der Flüchtlingsmannschaft TuS Koblenz International.

"Die gesellschaftliche Wirkung, die Fußball entfalten kann, ist enorm", weiß Boning zu berichten. Und natürlich ist der Sport ein Massenereignis - nicht nur im Fernsehen. "Schon bei der WM 1954 in Bern waren ja die wenigsten Deutschen wirklich vor Ort im Stadion. Dafür klebte die Nation an den Hörfunkgeräten." Die Faszination für das Gekicke im Fernsehen kann sich der TV-Profi ganz einfach erklären. "Fußball ist ja eine recht bildschirmkompatible Sportart. Man kann das Geschehen recht gut verfolgen - anders als beim Eishockey", so der 51-Jährige, der wegen seiner starken Kurzsichtigkeit selten ohne seine dicke Brille auftritt. "Eishockey ist für meine Sehkraft komplett ungeeignet. Damit ich etwas davon hätte, müsste man den Puck tellergroß und bunt machen."

Vor allem der große Aufgalopp im Stadion ist das, was Wigald Boning auch privat immer noch sehr fasziniert. "Seinen" Verein Werder Bremen sieht er mindestens dreimal im Jahr vor Ort, auch bei Auswärtsspielen in der Arena beim FC Bayern München lässt sich der TV-Mann sehen. "Da geht doch nichts darüber. Das ist wie in der Musik. Ein Live-Konzert ist weiterhin der Konserve vorzuziehen", so Boning, der lange selbst Hits in die Charts gebracht hatte. Allerdings meint er auch: "Vielen Menschen, die mit einer Mannschaft richtig mitfiebern, ist es zweitrangig, ob sie das im Stadion hautnah miterleben oder ob sie das Spiel zu Hause oder in einer Kneipe gucken."

Seine eigene Sozialisation mit dem Fußball, einer Sportart, die er selbst allerdings nicht gut beherrsche, stammt aus Jugendzeiten. "Ich komme aus Oldenburg. Das ist eine Fifty-Fifty-Stadt: Die eine Hälfte sind HSV-, die andere Werder-Bremen-Fans", erklärt Boning. "Meine Cousins hatten sich zu Zeiten, als der HSV noch europäischen Spitzenfußball spielte, den Hamburgern zugewandt. Ich habe mich aus natürlicher Opposition dann für Werder Bremen entschieden. Einfach so, um ihnen etwas entgegenzuhalten", erinnert er sich. "Werder stieg dann erst mal ab. Das hatte ich nun davon. Dann begann aber ein glorreiches Zeitalter. Diese frühkindliche Prägung kriegt man nicht mehr los: Ich bin weiterhin Werder-Fan. In den letzten Jahren härtet das sehr ab. Der HSV wäre allerdings auch nicht die bessere Wahl gewesen. Ganz grausam!"

Mittlerweile hat Boning selbst zwei Söhne - mit ganz unterschiedlichen Vorlieben. Einer ist wie der Vater Werder-Fan, der andere glühender Bayern-Anhänger. "Sich gut auszukennen, hat sich für mich mit meinen Söhnen auch kommunikationstechnisch bewährt", so Wigald Boning. "Über Fußball kann man sich eben gut unterhalten." Genau diesen zugewandten Ansatz verfolgt er auch in der Doku, die ihn unter anderem auch mit dem Vater-Sohn-Gespann vom beliebten Blog "Wochenendrebell" zusammentrifft. Die Erlebnisse des jungen Fußballfans mit Asperger-Syndrom wurden schon mit dem Grimme-Online-Preis ausgezeichnet.

Mit der extremen Fußball-Kommerz - auch mit Rekord-Ablösesummen in Deutschland - hadert Wigald Boning allerdings schon. "Die Kommerzialisierung, die so viel kaputt macht auch im deutschen Fußball, ging für mich schon 1984 los, als bei den Olympischen Spielen in Los Angeles plötzlich auch Profis mitmachen durften. Das leuchtete mir als junger Sportbegeisterter damals überhaupt nicht ein: Nanu, das sind doch die Spiele der Amateure?" Für den alten Lateiner Boning leitet sich "Amateur" eben von "amare" und damit von der bedingungslosen Liebe zum Sport her. Außerdem tun ihm die jungen Millionäre auf dem Rasen - da ist er ganz mitfühlender Vater - gelegentlich Leid. "Es ist die Überfrachtung des Fußballs mit Vorbildfunktion", sagt Boning. "Man erwartet extrem viel von diesen armen 20-Jährigen."

Er selbst hält sich beim Ausdauersport fit - und findet dadurch auch einen guten Ausgleich zum hektischen Dreh-Alltag. Wie selbstverständlich reist er auch für Engagements in fernen Städten mit dem Drahtesel an. Und zuletzt hat er ein öffentlichkeitswirksames Experiment durchgezogen, dauerhaft im Freien zu schlafen. "Laufen - je länger, desto lieber", lautet die Devise, mit der sich Boning selbst immer wieder antreibt. "Ich bin weiterhin gerne 24 Stunden am Stück unterwegs. Das ist für mich stressfreier, als einen schnellen Marathon zu laufen", sagt er. Dass er sich damit ziemlich deutlich vom Mannschaftssport Fußball unterscheidet, juckt Wigald Boning nicht. "Ich habe es immer genossen, alleine Sport zu treiben. Ich muss niemand dabei haben. Mein innerer Schweinehund ist ein liebes Tier. Den weiß ich gerne bei mir." Und hilft der Ausdauersport etwa, neue Ideen zu entwickeln - wie die charmante, wenn auch etwas ungewöhnliche TV-Rolle als "Seelenerkunder" für History. "Ich hatte noch nie eine gute Idee beim Laufen", antwortet Boning nüchtern. "Ich bin froh, dass ich an gar nichts denke."

"Deutschland - Deine Fußballseele" wird ausgestrahlt im Rahmen des globalen TV-Events "History of Football". Von Montag, 28. Mai, bis Sonntag, 10. Juni, zeigt der Sender in mehr als 160 Ländern weltweit rund um die Uhr ausschließlich Sendungen zum Thema Fußball. Darunter sind unter anderem internationale Eigenproduktionen wie die Doku-Reihen "History's Greatest Moments in Football" und "Football Godfathers".